Blogartikel #13 Interview Gespräch: Ehemalige Krippen-Erzieherin schildert ihre Perspektive
Interview mit F. E.
5/21/20266 min lesen
Ich möchte mich bedanken für die Zeit, die du dir nimmst und bin gespannt auf dein Erfahrungsbericht aus deinem ehemaligen Beruf als Erzieherin. Du bist heute zweifache Mutter und als Teilzeit arbeitstätig, aber in anderem Beruf.
Könntest du uns vielleicht zum Beginn für die Leser/innen erklären wie genau deine Qualifikation für die Berufsbezeichnung heisst und wie viele Jahre du in diesem Gebiet gearbeitet hast.
Ich bin seit meinem 16. Lebensjahr im Kinderbereich tätig. Während 11 Jahren arbeitete ich als Fachfrau Kinderbetreuung in vier verschiedenen Kitas. Davon leitete ich während fünf Jahren eine Gruppe von 12 Kindern und war zudem stellvertretende Kitaleiterin.
Anschliessend bildete ich mich an einer Sonderschule für Kinder mit Verhaltens- und Lernschwierigkeiten zur Sozialpädagogin weiter. Zurzeit bin ich als Sozialpädagogin in der Betreuung einer Tagesschule angestellt.
Bevor wir darauf eingehen, weshalb du heute nicht mehr als Erzieherin in der Krippe arbeitest, würde es mich sehr interessieren, wie eine «normale» Ganztagsbetreuung in einer Krippeneinrichtung aus der Sicht einer Betreuungsfachfrau aussah und welche Aufgaben du übernehmen musstest.
Ein Kitaalltag begann sehr früh, bereits um 6.30 Uhr. Die ersten Babys und Kinder warteten darauf, von uns empfangen zu werden. Bis etwa um 9.00 Uhr trafen nach und nach alle Kinder ein. Während dieser Zeit mussten natürlich auch hauswirtschaftliche Aufgaben erledigt werden, wie das Zubereiten von Brei oder die Vorbereitung des Znünis.
Sobald alle Kinder anwesend waren, wurden Rituale, Sequenzen oder Freispielangebote bis etwa um 11.30 Uhr durchgeführt. Danach freuten sich die Kinder auf das gemeinsame Mittagessen. Im Anschluss daran folgten das Waschen, Wickeln sowie die Vorbereitung auf den Mittagsschlaf. Für mich war dies mit Abstand die strengste Zeit des Tages, da viele Kinder bereits sehr müde waren und darauf warteten, gewaschen und ins Bett gebracht zu werden.
Der Mittagsschlaf dauerte bis ungefähr 14.00 Uhr. Während dieser Zeit konnten die Erzieherinnen ihre Pause machen und das Nachmittagsprogramm vorbereiten. Gegen 15.00 Uhr gingen wir oft an die frische Luft und machten einen Spaziergang. Bei schönem Wetter wurde das Zvieri draussen gegessen, bei schlechtem Wetter spätestens um 16.30 Uhr in der Kita.
Nach der Nachmittagspause wurden die Kinder nochmals gewaschen, je nach Bedarf umgezogen und für das Abholen vorbereitet. Die Abholzeit dauerte bis 18.15 Uhr. Für viele Babys und Kinder bedeutete dies einen langen Tag von bis zu zwölf Stunden, während die Erzieherinnen in unterschiedlichen Schichten arbeiteten.
Wichtig zu erwähnen ist, dass auf der Babygruppe viele Abläufe und Aufgaben individuell an die Bedürfnisse der Babys angepasst werden mussten, da es oft nicht möglich war, bei so vielen Babys eine feste Struktur konsequent einzuhalten.
Wie hast du diese Aufgaben damals empfunden und persönlich erlebt - und warum? Was bedeutet all das konkret für Babys/Kinder unter 3 ?
Ich war in meinem bevorzugten Arbeitsbereich tätig und empfand die Arbeit mit den Kindern als sehr bereichernd. Gleichzeitig war der Berufsalltag jedoch häufig mit Herausforderungen verbunden, die mich in meiner professionellen Haltung und meinen pädagogischen Grundsätzen forderten. Viele Situationen führten zu hoher emotionaler Belastung sowie zu psychischem Druck und Überforderung.
Ein grosser Teil des Betreuungspersonals war noch sehr jung, teilweise minderjährig oder erst wenige Jahre im Berufsleben. Die Erwartungen an die pädagogische Arbeit, die Verantwortung im Gruppenalltag sowie die eigenen Ansprüche an Professionalität und Fürsorge waren entsprechend hoch. Unter den gegebenen Rahmenbedingungen war es nicht immer möglich, diesen Anforderungen in vollem Umfang gerecht zu werden.
Wenn du zusammenfassend auflisten könntest, welche Vor- und Nachteile hat die Krippenbetreuung für Babys/Kinder ? Was war besonders negative oder positiv?
Für Kinder unter drei Jahren bedeutet ein solcher Kitaalltag, sich früh an feste Strukturen und hohe Anforderungen im Gruppenalltag anpassen zu müssen. Aufgrund der begrenzten zeitlichen und personellen Ressourcen war es oft schwierig, individuell und umfassend auf die persönlichen Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes einzugehen.
Als besonders positiv empfand ich die gemeinsamen Momente mit Gleichaltrigen sowie mit den betreuenden Bezugspersonen. In diesen Situationen konnten sich die Kinder wahrgenommen, gesehen und als Teil der Gemeinschaft erleben.
Gleichzeitig erlebte ich es als belastend, dass im hektischen Alltag häufig die Zeit fehlte, um individuell auf einzelne Kinder einzugehen. Dadurch kamen Nähe, emotionale Zuwendung und eine intensive Begleitung teilweise zu kurz. Zudem empfand ich die langen Betreuungstage – oftmals bis zu zwölf Stunden und dies an fünf Tagen pro Woche – für viele Kinder als sehr anspruchsvoll.
Auch Personalmangel war wiederkehrend ein zentrales Thema. Wechselnde Betreuungssituationen sowie eine angespannte Atmosphäre führten bei vielen Kindern zu Unruhe, Stress und erhöhter emotionaler Belastung
Rührt deine Entscheidung nicht mehr in diesem Beruf tätig zu sein, aus diesen genannten Gründen?
Für mich war bereits früh klar, dass ich mich beruflich weiterbilden und weiterentwickeln möchte. Gleichzeitig benötigte ich Zeit, um mich emotional von den Kindern, den Eltern sowie dem intensiven Kitaalltag zu lösen. Die Tätigkeit als Betreuungsperson in einer Kita ist sehr anspruchsvoll und emotional intensiv. Oft wird die Einrichtung über die Jahre hinweg zu einem zweiten Zuhause, da man einen grossen Teil seiner Zeit dort verbringt und enge Beziehungen zu Kindern, Familien sowie zum Team aufbaut. Sich nach einer langen gemeinsamen Zeit davon zu verabschieden, fiel mir nicht leicht.
Dennoch bereue ich meinen beruflichen Weiterweg keine Sekunde. Die Entscheidung, mich neu zu orientieren und weiterzubilden, war für meine persönliche und fachliche Entwicklung sehr wertvoll. Heute kann ich mir nicht mehr vorstellen, erneut im klassischen Kitaalltag tätig zu sein.
Würdest du dieser Bewertung nach - als zweifache Mutter und zugleich pädagogische Fachperson - Eltern eine Krippenbetreuung für ihre Kinder empfehlen? Wenn ja, ab wann, falls nein, weshalb?
Aus meiner persönlichen und beruflichen Erfahrung heraus würde ich Eltern empfehlen, eine Kitabetreuung eher ab einem Alter von zwei bis drei Jahren in Betracht zu ziehen. Zudem halte ich es für sinnvoll, den Betreuungsumfang – insbesondere bei jüngeren Kindern – möglichst auf wenige Tage pro Woche, beispielsweise zwei Tage, zu begrenzen. Dadurch kann das Kind weiterhin ausreichend Zeit im familiären Umfeld verbringen und gleichzeitig von sozialen Erfahrungen in der Gruppe profitieren.
Wie ist deine Einschätzung, was müsste sich grundlegend verändern, damit eine ausserfamiliäre Betreuung unter drei Jahren - für ein Kind keine Nachteile hat. Ist das überhaupt aus deiner Sicht möglich?
An erster Stelle müssten die Ausbildung sowie die fachliche Begleitung der Betreuungspersonen stärker gefördert werden, da viele Mitarbeitende direkt nach der Schule in Form eines Praktikums in den Kitaalltag einsteigen. Gerade in einem so verantwortungsvollen Arbeitsfeld sind eine fundierte Einführung, fachliche Unterstützung und kontinuierliche Begleitung von grosser Bedeutung.
Zudem sollte das Personal aufgestockt und die Ressourcen der Mitarbeitenden verbessert werden. Dazu gehören unter anderem attraktivere Löhne, kürzere Arbeitstage sowie eine Entlastung bei hauswirtschaftlichen Aufgaben. Dadurch könnten die Betreuungspersonen ihre Energie und Aufmerksamkeit stärker auf die pädagogische Arbeit und die Bedürfnisse der Kinder richten.
Auch kleinere Kindergruppen würden zu mehr Ruhe, Stabilität und einer höheren Qualität in der Betreuung beitragen. So könnten die Kinder individueller begleitet und in ihrer Entwicklung besser unterstützt werden.
Was würdest du heute deinen Kollegen/innen in diesem Berufszweig empfehlen?
Nach Möglichkeit würde ich Betreuungspersonen zudem empfehlen, ihr Arbeitspensum zu reduzieren, um langfristig gesund und belastbar im Beruf zu bleiben. Ebenso halte ich es für wichtig, die eigene pädagogische Haltung und die persönlichen Werte nicht aufzugeben, sondern sich aktiv für bessere Rahmenbedingungen und ausreichende Ressourcen bei den Kitainhabenden oder Leitungspersonen einzusetzen.
Darüber hinaus braucht es Mut für Innovationen und Weiterentwicklungen im Kitaalltag, um den Bedürfnissen der Kinder sowie des Fachpersonals besser gerecht werden zu können und die Qualität der Betreuung nachhaltig zu stärken.
Was würdest du zum Schluss Müttern, die tagtäglich ihr Bestes geben, mit auf den Weg geben?
Mamas, ihr leistet den wertvollsten Job dieser Welt. Die Hingabe und Liebe, die ihr täglich euren Kindern schenkt, ist von unschätzbarem Wert. Unsere Kinder nehmen sehr genau wahr, was wir für sie und ihre Kindheit tun und wie wir stets unser Bestes geben – auch dann, wenn man manchmal das Gefühl hat, nicht genug zu leisten oder nicht allem gerecht zu werden.
Letzte Frage: Wenn du frei fantasierend - es dir ausmalen könntest, wie würde deiner Vorstellung nach, ein gesunder und entwicklungsgerechter Alltag für Kinder aussehen?
Ich sehne mich oft nach meiner eigenen Kindheit, wenn es um meine Kinder geht. Den ganzen Tag draussen spielen zu können, mehrere vertraute Bezugspersonen um sich zu haben (Mama, Grosseltern, Tante, Onkel) und frei nach Lust und Laune zu spielen – und sich danach wieder nach Bedarf zu den Liebsten zurückzuziehen.
Danke für deine Zeit und das Teilen deiner persönlichen und fachmännischen Erfahrung!!
Und danke, dass wir diesen Einblick erhalten durften.
Alles Gute weiterhin!
