Blogartikel #2 "Ab wann in die Krippe?"
Ab wann in die Krippe? Mögliche Lösungswege in Bezug auf die Betreuungsfrage unter 3-Jahren_ Für Eltern und die, die es werden wollen.(entwicklungsmedizinisch evidenzbasierte Empfehlungen)
12/7/20257 min lesen
«Studienergebnisse aus der ganzen Welt zeigen ziemlich eindeutig, dass je weniger Zeit Kinder unter drei Jahren in Gruppenbetreuung verbringen, desto besser für sie.» Sagt Dr. Penelope Leach, führende Entwicklungspsychologin in England, Leiterin der großen britischen Studie “Families, Children and Child Care”[1]
Diesem Leitsatz anlehnend wurden bereits im letzten Blog-Beitrag «Bindung vor Bildung - Warum Bindung die Voraussetzung für die frühkindliche Bildung ist und was die Kollateralschäden einer zu frühen Trennung für diese ‘Bildung’ sind. (Thesen aus der Bindungs- und Hirnforschung)», die gesundheitlichen Folgen für ein Kind bei einer zu frühen, zu häufig und langen Gruppenbetreuung in Krippen, sowohl aus persönlicher Sicht als auch aus wissenschaftlich-evidenzbasierter Studienlage geschildert. In der Schlussfolgerung halten Experten in diesem Gebiet, wie der deutsche Kinderarzt Dr. Rainer Böhm, in den Publikationen fest:
«Jegliche zu frühe Trennung des Kindes von der Mutter u./o. dem Vater trägt erhebliche Langzeit-Folgen mit sich. Studien belegen, sogar, dass kumulative Betreuungsdauer sogar bei einer sehr hohen Qualität der Betreuung nicht die Zunahme an ‘expansiven Problemverhaltens’ verhindern können.»
Wenn die Ergebnisse der Forschung also deutlich aufzeigen, dass keine hoch qualitative Gruppenbetreuung in Krippen das Wohlergehen der Kinder überbieten kann, so zeigt die Forschung gleichfalls, dass die Krippenbetreuung die Kinder nicht mal in deren Sozialkompetenz stärkt, sondern es heisst: «Die Qualität hat keinen signifikanten Effekt auf die spätere soziale Entwicklung.»[2] Ausserdem stellt sich bei dieser ganzen Debatte die Frage, warum ist ständig die Rede von «ab drei Jahren»? Die ermittelten Stresshormone der Kinder nach der Tagesbetreuung zeigen folgendes:
«So zeigen Kleinkinder bis zum Alter von etwa 3 Jahren in Gruppenbetreuung im Tagesverlauf ansteigende Cortisolwerte, während ältere Kindergarten- und Grundschulkinder einen längeren Betreuungstag ohne Aktivierung ihrer Stresssysteme bewältigen können.»[3]
Weiterhin lässt sich auch ergänzen, dass Kinder ab drei Jahren kognitiv eine gewisse Gehirnreife erlangen, durch die sie losgelöster von den Eltern in die Exploration eintreten und sich und ihr soziales Umfeld erkunden können/sollten. Der Spruch «Alles mit seiner Zeit» hat in diesem Kontext seine absolute Richtigkeit.
Deshalb bezeichnet Dr. Böhm, die staatliche Unterstützung der ausserfamiliären Betreuung und somit Kleinkinder dauerhaftem Stress auszusetzen, als «unethisch» - als Verstösse gegen Menschenrecht. [4] Denn es gilt das Rechtsgut nach UN-Kinderrechtskonventionen (1990) – Artikel 24 (Gesundheitsvorsorge) : «Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes auf das erreichbare Höchstmass an Gesundheit an.»[5]
Aufgrund dieser Erkenntnisse und der Grundlage der aktuellen NICHD-Studie[6] im Kinderärztekongress in Bielefeld wurden Vorschläge zur entwicklungsmedizinisch evidenzbasierten Empfehlungen unterbreitet, die wie folgt lautet:
1) Keine Gruppentagesbetreuung von Kindern unter zwei Jahren.
2) Zwischen dem zweiten und dritten Geburtstag maximal halbtägige Betreuung von bis zu zwanzig Stunden in der Woche.
3) Ab dem dritten Geburtstag je nach individueller Bereitschaft ganztägige Betreuung möglich.
4) Konsequente Orientierung an hohen Qualitätsstandards in jeglicher außerfamiliärer Betreuung.
Warum ab zwei Jahren ? «Irgendwann jenseits des Alters von zwei Jahren, wenn Kinder stärkere Beziehungen untereinander als zu Erwachsenen aufbauen, beginnt qualitativ hochwertige Gruppenbetreuung klare Vorteile zu zeigen.»[7] Sagt Dr. Leach, Penelope, führende Entwicklungspsychologin aus England. In anderen Worten macht eine qualitativ sehr hochwertige Krippenbetreuung erst ab dem Alter von zwei Jahren Sinn.
Mögliche konkrete Lösungen:
Das 18-18-Modell (deckt sich auch mit der Bindungstheorie)
In diesem Modell wird vorgeschlagen, dass die ersten 18 Monate der Betreuung vordergründig von der Mutter – und die darauffolgenden 18 Monate vom Vater übernommen werden kann, damit die Mutter – so, wenn sie möchte und das berufliche Ziel weiterhin verfolgt, wieder in den Beruf einsteigen kann.[8]
Es sei eine «Gerechtigkeit für berufliche Laufbahn beider Partner, gleichzeitig wird vermieden, dass die Kinder durch zu früher und häufige ausserfamiliäre Betreuung gesundheitlich schädliche Stressbelastungen erleiden.»
Mir ist es völlig im Klaren, dass wir hier über keine Kleinigkeiten sprechen. Es bedarf sehr viel Reflektion, Geständnis, Ehrlichkeit, Akzeptanz, Annahme, Umstellung, Umdenken, Eigenverantwortung und Perspektivenwechsel. Für einige bricht mit solcher Sachlage vielleicht sogar ihr/sein Weltbild zusammen. Als zweifache Mutter habe ich vollkommenes Verständnis für erschöpfte, schlaflose, von der Gesellschaft und Politik im Stich gelassene und zum Teil einsame Mütter, die unheimlich viel mit sich selbst ausmachen müssen und nicht bis kaum Unterstützung erhalten. In Zeiten, in denen wir immer noch wie früher für ein Kind ein ganzes Dorf benötigen, es dennoch nicht zur Verfügung haben. In Zeiten, in denen wir vollkommen fern von artgerechter Lebensweise[9] leben und von ernähren, versorgen, lieben, trösten, verpflegen, bespassen, unterhalten, ständiges zuhören und antworten, schlafen bringen, mit allen Entwicklungsschritten des Heranwachsenden z.T. allein klarkommen müssen, verstehe ich – die absolute Frage «Wann komme ich mit meinen Bedürfnissen dran?» Es geht hierbei vielleicht nicht um «gar nicht» oder «spät», sondern darum, sich auf das Wesentliche zurückzuerinnern. Wir reden bei der ganzen Diskussion lediglich von 2-3 Jahren von vielleicht 70-80 Lebensjahren. Drei Jahre Investition in die Bindungsjahre bedeutet für mich nichts anderes als Friedensarbeit. Die ganze Welt sehnt sich einer friedvollen Welt nach. Viele vergessen jedoch, dass genau diese Friedensaktivität zuhause in den eigenen Vier-Wänden beginnt. Mit uns selbst, unseren Nächsten - mit unseren Kindern. In die Elternschaft, insbesondere in die Rolle der Mutterschaft eintreten zu dürfen, ist nicht nur eine göttliche Aufgabe, sondern der Beginn eines neuen Lebens. Mit der Geburt des Kindes beginnen auch wir neue Lebensjahre. Bis dato waren wir vielleicht Kinder in Erwachsenenkörper. Als Eltern jedoch – wachsen wir mit unseren Kindern als eine neue Person heran, die plötzlich einem anderen bedürftigen Wesen Bindung und Nähe schenken und diese versorgen darf. Das bedeutet Verantwortung. Elternschaft bedeutet nichts anderes als Verantwortung übernehmen und dabei wachsen zu dürfen, insofern man es zulässt.
«Die Emanzipation der Mutter bedeutet nicht, dass sie ihre Mutterschaft verleugnen kann.»
Und wenn man das dennoch tun möchte, indem man davor «flüchtet», so verleugnet man auch im Prinzip sich selbst – denn man kann nicht die einhergehenden Verantwortungen der Mutterschaft vergraben, die tatsächlich existieren. In welcher Intensität man sie annehmen mag, oder überhaupt, das entscheidet jede Mutter und jeder Vater selbst. Dennoch man hat sich schlussendlich für diese Elternschaft aus eigener Verantwortung und Initiative entschieden. Ich verstehe jedoch, dass jeder Mensch bedingte Kapazitäten – ob mental, psychisch oder sogar körperliche – mitbringt, dennoch bedeutet Verantwortung in diesem Kontext, auch sich die Frage zu stellen, wo und welche emotionalen «Hindernisse» vorliegen, die einem daran abhalten sich der Mutterschaft und der einhergehenden Verantwortung hinzugeben. Ja, auch dies bedingt die Eigenverantwortung.
Vielleicht können wir beginnen zu verstehen, dass vorübergehender Verzicht auf Materiellem und/o. sich «zurückstecken» für lediglich 2-3 Jahren kein wirklich langfristiger Verzicht bedeutet. Ganz im Gegenteil: Die Studienlage zeigt auch genau das, dass Kinder, die nicht durch chronischen Stress und der zu häufigen Fremdbetreuung ausgesetzt waren, später nicht nur im Schulalter, sondern auch als Teenager weniger Verhaltensauffälligkeiten und Probleme aufzeigen.[10]
«Es ist eine kurzzeitige Investition in eine bessere Zukunft – für alle Beteiligten.»
Wir leben im Westen im höchsten Wohlstand und beobachten dennoch seit 20-30 Jahren neue Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen, die Historiker und Kindheitsforscher[11] seit Jahrhunderten in diesem Ausmass nicht beobachten konnten. Jedes zweite Kind hat eine chronische Krankheit, jedes 4. Kind braucht irgendeine Therapie, Vielleicht hat die frühe Krippenbetreuung all dies nicht per se hervorgerufen, jedoch ist es auch aus der Psychoneuroimmunologie[12] bekannt, dass chronischer Stress viele andere Krankheiten begünstigt, wenn nicht hervorbringt. Aus 15 Studien von 1998 bis 2006 wurde evidenzbasiert zusammengefasst: «Umfangreiche außerfamiliäre Tagesbetreuung ist für das gesamte frühe Kindesalter mit geringerer Sozialkompetenz und Kooperationsfähigkeit, vermehrtem Problemverhalten, schlechterer Stimmungslage sowie aggressivem und konflikthaftem Verhalten verbunden.»[13] Vielleicht beginnen wir deshalb mit der neuen Sicht auf die Dinge: Erziehung ist Elternsache und nicht immer gut, wenn es im institutionellen Auftrag angestrebt wird. Wenn uns der Segen dieser schwierigsten Aufgabe im Leben – Elternsein – einleuchten würde, würden wir vielleicht die Welt mit anderen Augen sehen.
«Elternschaft ist Bindungsarbeit. Und Bindungsarbeit gleicht meiner Ansicht nach Friedensarbeit.»
In anderen Worten schenken wir mit nur zwei bis drei Jahren absoluter Nähe und Zeit der zukünftigen heranwachsenden Generation eine erworbene Friedenskompetenz, als Basis für alles weitere - mit der es mit einer soliden und standhaften Grundlage in die Welt gehen kann. So schwer auch die Prüfungen später sein mögen. Dieser Samenkorn der Bindungssicherheit aus den frühen Lebensjahren hat vielleicht ein anderes Gewicht als wir denken. Betrachtet man das Gleichnis vom Senfkorn aus der Bibel, wird in den Evangelien nach Matthäus[14] und Lukas[15] überliefert. Es lautet:
„Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mann auf sein Feld sät. Es ist zwar das kleinste aller Samenkörner, aber wenn es gewachsen ist, ist es größer als alle anderen Gartenpflanzen und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels sich niederlassen und in seinen Zweigen nisten.“
Wenn wir als Eltern die Samenkörner der Gesellschaft sorgfältig säen dürfen, so muss doch die Relevanz dieser bedeutsamen Aufgabe, ich möchte fast sagen Mission, eine ganz besondere sein. Viele Jahre nach dieser oben genannten Überlieferung hat dies ein weiterer Auserwählter – nämlich der letzte Gesandte Gottes Muhammad (Gottes Segen und Friede sei mit ihm) in anderen Worten bestätigt und untermalt:
“Das Paradies liegt unter den Füßen der Mütter”
Wenn uns vielleicht eines Tages bewusst wird, wie überragend die Stellung und Bedeutung der Mütter aus göttlicher Perspektive ist, nämlich höher gestellt ist als das so begehrte Paradies, so frage ich mich, wie dann das Leben hier auf dieser Erde aussehen könnte.
Quellenverzeichnis:
[1] UNICEF, The childcare transition, Innocenti Report Card 8, 2008 (S.12)
[2] JAY BELSKY DGSPJ-Kongress, Bielefeld 23. September 2011 – veröffentlicht auf : https://hans-joachim-maaz-stiftung.de/wp-content/uploads/2017/12/Vortrag_Boehm.pdf
[3] Vermeer, H. J., & van IJzendoorn, M. H. (2006). Children’s elevated cortisol levels at daycare: A review and meta analysis. Early Childhood Research Quarterly, 21, 390-401.
[4] https://www.fachportal-bildung-und-seelische-gesundheit.de/wp-content/uploads/2023/01/Dunkle-Seite-Kindheit-Boehm-DHV-2012.pdf - Rainer, B., 2012, S. 6
[5] https://www.kinderrechtskonvention.info/uebereinkommen-ueber-die-rechte-des-kindes-370/#25-artikel-24---gesundheitsvorsorge
[6] NICHD : Study of Early Child Care – US-amerikanische Studie von 1991-2009 – aus 1.364 Familien und Kindern.
[7] Dr. Leach, Penelope, UNICEF, The childcare transition, Innocenti Report Card 8, 2008 (S.12)
[8] https://www.youtube.com/watch?v=DERhmXrE7QQ – Cortisol versus Bindung 2015
[9] https://www.artgerecht-projekt.de/
[10] https://youtu.be/w77v23l0AfU?si=EiPyxfMlxP40YdrO – Prof. Dr. Rass, Eva, 2019, Symposium "So sieht es in Deutschlands Kinderkrippen aus"
[11] https://www.youtube.com/watch?v=K07NTCnMAHg&t=270s – Hüter, Michael, Historiker, Publizist, Kindheitsforscher – «Eltern müssen sich verweigern! Interview mit Hedwig v. Beverfoerde» Ab Minute 26:21
[12] http://www.christian-schubert.at/ - Prof. Dr. Dr. Christian Schubert
[13] Early Child Development and Care, Vol. 179, No. 5, July 2009, 559-570 – Zusammengefasst von Jenet I. Jacob, University of Minnesota
[14] (Mt 13,31-32)
[15] (Lk 13,18-19)
