Blogartikel #3 "Was bedeutet Elternschaft?"

Deine einzigartige Chance zum unerlässlichem Wachstum.

12/17/20258 min lesen

Was, wenn ich die provokative Behauptung in den Raum werfe, dass der Schicksal der Gesellschaft in den Händen der Eltern, insbesondere der Mütter liegt? Zumindest würde die US-amerikanische Psychoanalytikerin und Elternberaterin Erica Komisar, über die aktuell heiss debattiert wird, diese These nicht verneinen. Sie ist nach 35 Jahren Beratung mit Familien und Institutionen der felsenfesten Ansicht: Die emotionale und physische Anwesenheit der Eltern während der ersten drei Jahre, insbesondere der Mutter, wie sie betont, ist die unerlässliche Bedingung psychischer Gesundheit der Kinder und derer Zukunft. Ich kenne persönlich kein Elternteil, der nicht das Beste für sein Kind möchte. Aber ich frage mich, wieso tun wir uns so sehr mit «so viel Nähe» schwer? Was wenn wir diese Aufopferung und bedingungslose Verfügbarkeit und Nähe nicht vorgelebt bekommen und anwenden können? Wann dann?

Wie in all den vorigen Themen dargestellt, geht es in Elternschaft und der Erziehungspsychologie stets um die Kapazität der Mutter u./o. des Vaters über Nähe und/oder Autonomie – dem Raum, den diese primären Bezugspersonen diesen zwei Grund-Bedürfnissen des Kindes in dessen frühkindliche Entwicklung geben können – oder eben nicht.

Wenn ich als Mutter damit Mühe habe, die Bedürfnisse meines Kindes für Nähe zu erkennen, diese zu verstehen und sogar noch bedürfnisorientiert zu stillen, bedeutet das nicht, dass diese Bedürfnisse des Kindes nicht existieren und ignoriert werden dürfen, gar es dem Kind abzusprechen, dass es auch ohne «gut klarkommt», sondern, es sollte vielleicht eher die Frage gestellt werden, was hat das mit mir als Mutter zu tun, dass ich es nicht befriedigen kann/will? Liegt die mangelnde Kapazität, vielleicht darin, dass ich aufgrund des eigenen Defizits aus der Kindheit, gar Entwicklungstrauma, die mir bewusst nicht im Klaren sind, die Nähe nicht zulassen kann, oder dem Kind seine Autonomie gewähren kann?

Wenn doch all die Gesetzmässigkeiten (bindungstheoretische, göttlich-spirituelle, entwicklungspsychologische usw.), für die Beachtung der natürlichen Bedürfnisse des Heranwachsenden sprechen - und die kindlichen Signale ganz deutlich und klar darauf zeigen, liegt dann die «Hürde» nicht eher bei den Eltern? Im Grunde genommen, ist kein Säugling «zu anstrengend», es spiegelt uns in vielerlei Hinsicht wider und besteht dabei auf seine natürlichen Rechte und angeborenen Bedürfnisse. Mit dieser "Bezeichnung" verursachen wir eher die Schuldumkehr. Der Fokus wird verlegt auf "die Problematik beim Kind" und nicht bei uns. Eine Art Flucht vor Verantwortung. Vielleicht sind wir Erwachsene mit unseren Blockaden die «Hürde», die es anzuschauen gilt. Um sich die Frage zu stellen, was es mit einem selbst zu tun hat, bedarf es dem Reflektionsvermögen, um das Kind in seinen Bedürfnissen sehen und erkennen zu können.

Es geht nicht hierbei um die Schuldfrage, gar Verweis auf mangelnde Qualitäten der Elternschaft. Ganz im Gegenteil, als Mutter zweier Kleinkinder, verstehe ich den Satz «Unsere Eltern konnten es nicht besser» tiefer denn je. Dieser Satz verbarg für mich viele Fragen und stoss auf Unverständnis. «Wie? Man kann doch immer etwas besser machen, wenn man es wirklich möchte??!!», pflegte ich im Unbewusstsein der Naivität zu glauben. Eine einseitige Sichtweise. Bis meine Kinder mich des besseren belehrt haben. Sie haben mich so sehr zu meinen persönlichen Grenzen verholfen, bis ich auch «es nicht besser konnte» - und dies sichtbar wurde - für alle Beteiligten.

Nicht das Defizit an pädagogisch korrektem Reagieren ist das elterliche Dilemma, sondern das Wegsehen. Nicht aussprechen, was im Raum schwebt. Ignorieren der eigenen Fehler. Mein persönliches Dilemma war bei unseren zwei Kindern, nicht das kindliche ununterbrochene Bedürfnis an Nähe, das war in den ersten Jahren für mich kaum ein Problem, sondern die Thematik mit der Autonomie der Kinder ca. ab 2 Jahren. Wieso konnte ich es nicht aushalten, dass sie selbst bestimmen wollten – und mich vermeintlich «verneint» haben? Eine sehr spannende Reise begann. Und schmerzfrei war diese sicherlich nicht, es jeden Tag gespiegelt zu bekommen, aber das Leben auf dieser Erde sollte das vielleicht auch nicht. Vielleicht sind wir auch aus anderem Grund hier. Ohne Reibung erfolgt nämlich kein Wachstum. Unsere Seele möchte aber stets wachsen. Ob das der physische "Ich" bewältigen kann, ist die andere Frage.

Gleichermassen kann sich eine Mutter lediglich die Frage stellen, wieso fühle ich «Bedrängnis», gar «Aversion», wenn zum Beispiel mein Kind länger stillen möchte, als ich es tun möchte/werde ? «So häufig und solang? Bis 2 Jahren empfiehlt sogar die WHO zu stillen? Das sei doch zu übertrieben, mein Körper gehöre doch mir» etc. Könnte man denken? Aber zurück auf den Verweis vom Beginn des Beitrags: nicht das natürliche Bedürfnis des Kindes nach Nähe, Bindung und Ver-Bindung, ist das «Problem», sondern die Frage:

«Warum» kann ich es als Mutter nicht einfach zulassen und erfüllen, was mein Kind entwicklungspsychologisch braucht?

Weil mir die Industrie vermeintlich gleichwertig gute Alternativen anbietet? Weil es den Müttern heutzutage so einfach wie nie zuvor gemacht wird, sich früh und schnell von ihrem Baby zu trennen und ihre Pflichten in der Mutterschaft zu verleugnen, damit sie dem Kreislauf der Wirtschaft dienen kann?

Was und weshalb hindert mich wirklich die Bedürfnisse meines Kindes zu erfüllen und mich der Mutterschaft hinzugeben ?!

Mutterschaft bedeutet für mich: der Beginn einer Reise der Eigenverantwortung, des Nachdenkens über sich selbst, die Reise zurück zu sich selbst.

Natürlich kann man nicht die beiden Hauptbedürfnisse (Nähe und Autonomie) des Kindes lückenlos stillen – es geht mir mit diesem Beitrag eher um die Transparenz und Ehrlichkeit - und das verlangt ab, dass wir aufhören, den Kindern ihre natürlichen Bedürfnisse und somit Rechte zu relativieren, gar diese ihnen abzusprechen und somit sie ihrer Rechte zu berauben, nur weil sie nicht mündige Personen sind, die keinen verbalen Ausdruck finden können.

Aus der Bindungstheorie und Entwicklungspsychologie weiss man heute sicher nachgewiesen, dass die Erfahrungen der ersten zwei Jahre irreversibel für ein Leben prägend abgespeichert werden. Zwar können die Defizite und Entwicklungstrauma später korrigiert werden, jedoch nicht vollständig erlöscht werden. Wenn es ein Mangel an Nähe, Ver-Bindung, echten Kontakt und Geborgenheit gibt, bleiben diese hinterlassenen «Wunden» also lebenslang bestehen.

Vielleicht verwies deshalb die göttliche Quelle vor 1400 Jahren mit diesem qura'nischen Vers auf diese besonders sensible und unumgänglich wichtige Zeit und empfahl den Müttern folgendes:

«Und die Mütter dürfen ihre Kinder zwei volle Jahre stillen, wenn sie die Stillperiode vollenden wollen; und es obliegt dem, der das Kind gezeugt hat, auf faire Weise für ihren Unterhalt und Kleidung zu sorgen. Kein Mensch wird mit mehr belastet, als er zu tragen vermag; weder soll eine Mutter wegen ihres Kindes leiden müssen noch wegen seines Kindes derjenige, der es gezeugt hat. Und dieselbe Pflicht obliegt dem Erben des Vaters. (Sure 2, Vers 233)[1]

Aber wenn wir erneut zur Reflektion zurückfinden, um zu hinterfragen, weshalb diese göttliche Quelle den Müttern diese Zeitdauer von zwei Jahren, falls sie dies möchte, empfiehlt, dann geht es meiner Ansicht nach, nicht primär um die Annahme, dass Bindung und Urvertrauen per se nur mit dem Stillprozess an sich verwirklicht werden können (natürlich begünstigt es sehr und interessanterweise überschneidet sich die Zeitdauer der Sicherstellung der ersten Bindungsjahre nach Bowbly mit der vollständigen Stillperiode nach qur’anischer Sicht) – dies können aber auch die Mütter gewährleisten, die nicht lange stillen, jedoch geht es meiner Ansicht nach noch tiefer:

Nämlich dass das Stillen die unverwechselbare und nicht austauschbare Nähe zur leiblichen Mutter für mindestens zwei Jahre sicherstellen soll - und die Trennung von der Mutter präventiv vermeidet.

Im Umkehrschluss erübrigen sich all die anderen Fragen, wie die der Fremdbetreuung etc., ab wann und wie. Was die Folgen der frühen Trennung von der Mutter sind, sind durch internationale Studien durch die Fremdbetreuung in Gruppen, wie z.B. die Krippe oder weiteres sehr gut dokumentiert. Dr. Rainer Böhm[2] (Kinder-Jugendarzt mit Schwerpunkt Neuropädiatrie), Prof. Dr. Eva Rass [3] (Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin und Entwicklungspsychologin), Prof. Dr. Karin und Klaus Grossmann[4] (Entwicklungspsychologe, Pioniere der europaweiten Bindungsforschung), Gerald Hüther[5] (Neurobiologe und Hirnforscher), forschen bereits seit vielen Jahren und legen in ihrer Fachexpertise die eindeutig weltweite Studienergebnisse zur Fremdbetreuung unter 3 Jahren dar. All dies wurde bereits in den zwei vorigen Blogbeiträge zusammengefasst und geschildert.[6]

Gehen wir also der anfänglichen Fragestellung der Elternschaft nach:

Kann ich echte Nähe zulassen?

Kann ich die Autonomie meines Kindes aushalten?

Wird meine Liebesfähigkeit als Mutter, oder Vater angeboren, oder angelernt?

Die erste Symbiose zwischen der Mutter und dem Kind geschieht entwicklungsbiologisch bedingt, bei jedem Menschen oft gleich: Die 9-monatige Schwangerschaft - im Uterus der Mutter. Danach folgt die erste Trennung[7]: Die Geburt. Aus dieser Ent-Bindung aus der Symbiose im Mutterleib folgt die Wieder-Vereinigung durch das Stillen an der Brust der Mutter. Die erste, authentischste und reinste Art einer echten Be-ziehung und erneuter Aufbau der Bindung ausserhalb des Mutterleibs beginnt mit Tag 1 der Geburt. Diese Nähe mit allen Sinnen zu vernehmen, auf Ver-Bindung eingehen zu können, diese zu gewährleisten und sicherzustellen, ist einer der ersten Rechte dieses kleinen Wunders.

Aus der Bindungsforschung[8], weiss man, dass die Liebesfähigkeit jener Person sehr viel mit den eigenen Erfahrungen mit den leiblichen Eltern, insbesondere der Mutter, korreliert:

„Es gibt einen starken kausalen Zusammenhang zwischen den Erfahrungen, die jemand mit seinen Eltern gemacht hat und seiner späteren Fähigkeit, liebevolle Bindungen einzugehen.“ (Bowlby, 1987, S. 58).[9]

Im Idealfall sind beide Elternteile bemüht, ihr Kind bedingungslose Nähe und Autonomie zu gewähren. Da wir es kaum bis nie vorgelebt bekommen haben, hilft es sich diese Verstrickungen anzuschauen um neue Entwicklungen zu ermöglichen. Gerald Hüther würde sagen, das Kind wird nicht zum Objekt der Erziehungsbegierden und Voraussetzungen der liebe der Eltern gemacht, sondern es wird ihm ermöglicht selbst herauszufinden, wie es agieren und seine Selbstständigkeit erforschen mag. Dann bleibt es nämlich ein Subjekt. Kein Objekt der Eltern und ihrer Erziehung und hat dann die Möglichkeit zur Selbstentfaltung.[10]

Meiner Erfahrung nach existiert kein perfekter Idealfall. Alle Eltern begehen Fehler. Denn alle Eltern haben ihre eigenen kleinen bis grossen Entwicklungstrauma[11]. Ohne Integration dieser Wunden, kann man keine fehlerfreien Eltern werden. Aber darum geht es hierbei ganz und gar nicht. Es geht vielmehr um die Sensibilisierung und Bewusstwerdung in und durch die Elternschaft an die Rechte unserer Kinder – diese ihnen nicht abzusprechen, sondern sich die Frage zu stellen, was hindert mich daran die natürlichen Bedürfnisse meines Kindes ohne Trennung und Kontaktabbruch zu gewähren? Und daran zu arbeiten. Es ist ein langjähriger Lernprozess zum persönlichen Wachstum.

Durch Verharmlosung oder Absprechen des Ist-Zustands, gar ignorieren unserer Fehler kommen wir mit bestem Willen nicht mehr weiter.

Auch wenn wir es nicht «besser wussten» - wie unsere Kinder als Erwachsene sagen werden. Dennoch ist es an der Zeit nachzudenken, zu reflektieren und Verantwortung zu übernehmen.

Elternschaft bedeutet in die Eigenverantwortung zu kommen.

Unsere Kinder verhelfen uns dabei tüchtig, indem sie uns tagtäglich den Spiegel vorhalten und uns auf unsere Re-Aktionen hinweisen. Das ist die beste Möglichkeit. Eine göttliche Gnade, sich an sich zurückzuerinnern – an die eigene persönliche wahre Identität. Ein sehr intelligenter und weiser Mann sagte vor 1200 Jahren folgende geheimnisvollen Worte:

«Deine Heilung ist in dir, doch siehst du sie nicht. Und dein Leid kommt von dir, doch spürst du nicht. Und dann behauptest du, du seist ein kleines Wesen, obwohl in dir die grössere Welt gefaltet ist.»

Ali ibn Abi Talib war sein Name. Sein Mentor war der letzte prophetische Gesandte Gottes, Muhammad (saw.)

Bist du bereit dir dein Leid aus dir anzuschauen? Die grösste Chance zum Wachstum und Heilung wurde dir schon bereits geschenkt. Das sind deine Kinder.

Quellenverzeichnis:

[1] Hinweis: Es geht hierbei um die göttliche Empfehlung, falls die Mutter die Stilldauer vollenden möchte, und um keinerlei Zwänge oder Verordnungen

[2] https://www.fachportal-bildung-und-seelische-gesundheit.de/wp-content/uploads/2023/01/Dunkle-Seite-Kindheit-Boehm-DHV-2012.pdf - , Dr. Med. Böhm, Rainer

[3] https://youtu.be/4W_-Y9ePtxQ?si=h3jTv4vt45NFXfQ6, Vortrag im Symposium, Prof. Dr. Rass, Eva, 2019

[4] fK 3/98 Grossmann - Die Deutsche Liga für das Kind – Prof. Dr. Grossmann, K., 1998

[5] https://youtu.be/I9oRAPu6nY0?si=F36NnStO6bnQcjQ0 – Interview, Prof. Dr. Gerald Hüther im Podcast der Gesellschaft für frühkindliche Bindung „auf den Anfang kommt es an“, 2023

[6] https://www.hss.de/publikationen/bildung-braucht-bindung-pub31.pdf , Dr. Med. Böhm, Rainer, ab Seite 27 ff. / Forschungsergebnisse zur Fremdbetreuung von Kindern - Verband Familienarbeit e.V. - Ehry-Gissel,J., 2020

[7] Die Einzige, die das Kind mitbestimmt (ausgenommen sind Kaiserschnitte etc.)

[8] Vgl. Edward John Mostyn Bowlby, einer der ersten Pioniere in diesem Gebiet (1987)

[9] Vgl. auch die Studie der Grossmanns Das eingeschränkte Leben – Klaus E. und Karin Grossmann | DIJG

[10] https://youtu.be/eMExLS9aV6Q?si=GSodcDEZ6uFaDmZ9 - Gerald Hüther & Chris Fader – «Das Schlimmste, was ein Kind an der Entfaltung behindert.» - 2013

[11] Entweder Defizit an echter Nähe oder Autonomie erfahren