Blogartikel #5 "Der 'Regretting motherhood' Trend"

Was wenn die moderne Gesellschaft der Mutterschaft keine Chance lässt?

1/5/20265 min lesen

Seien wir Mütter doch mal alle bitte ehrlich: Mutterschaft ist die härteste Aufgabe der Welt – und nein, damit habe ich nicht mal übertrieben, sogar untertrieben. Nur, die, die es sind, können diese Aussage wirklich nachvollziehen. Dennoch möchte ich der Rolle und Bedeutung der Mutterschaft eine alternative Sicht schenken. Davor werfe ich den Blick auf die zeitgenössische Perspektive, um anschliessend unseren Standpunkt neu auszurichten.

Dass Mutter-Sein nicht besonders einfach ist, weiss sogar jedes Kind. Der mediale Fokus wurde jedoch 2015 auf diese Tatsache intensiver verlegt, als die israelische Soziologin Orna Donath mit lediglich 23 israelischen Müttern aus Israel eine «Studie» veröffentlicht hat, die laut ihrer Angabe, ihre Mutterschaft dauerhaft bedauern. Es begann ein unermesslich internationaler Hype in den Sozialen Medien mit dem Hashtag #regrettingmotherhood von Müttern, die sich haben von dieser medialen Dynamik mitreissen lassen. Hierbei nicht missverstehen, bedauern aus chronischer Erschöpfung heraus ist eine vollkommen gängige Gefühls- und Denkphase, die während der ersten Baby bis Kleinkind-Jahre natürlicherweise vorkommen können. Es handelt sich dabei aber oft um eben «nur» Phasen (oder Momente), die sich wie die Entwicklung der Kinder stetig im Wandel verändern. Dazu aber gerne später mehr. Weiterhin haben die Fachpersonen und Medienhäuser[1] in Europa[2] und in den USA reagiert – mit umfangreicheren und repräsentativen Studien[3] und Bachelorarbeiten[4], Zeitungsartikel etc., die aussagekräftiger sein sollten. Wohl bemerkt, weil es sich bei der anfänglichen Untersuchung von Frau Donath um lediglich 23 israelische Frauen handelte und diese in Israel geboren und wohnhaft waren. Die Lebensumstände, Rechte und gesellschaftliche Pflichten der Mütter variieren natürlich von Stadt zu Stadt und Israel liegt nun einmal im Nahen Osten – ein Ort, der nicht für z.B. deutsche Mütter aus Mannheim repräsentativ sein kann. Laut der deutschen Studie von YouGov aus dem Jahr 2016 sind es lediglich 20% der Mütter und Väter, die ihre Elternschaft wirklich bereuen. Das ist nur ein Beispiel aus vielen medialen Erscheinungen, die ein ziemlich ernüchterndes Ergebnis liefern. Nur 20% ? Deshalb dieser ganze mediale Hype und umfangreichen Studien, die was beweisen sollen ? Dass Mutter und Vater-Sein doch nicht anstrebenswert sei, wie man dachte? 

Seien wir doch mal ehrlich, JA, die gesellschaftliche Darstellung über die Mutterschaft ist ziemlich idealisiert versus der knallharten Realität. Die Psychoanalytikerin Erica Kommisar unterstreicht genau diesen Punkt: Viele angehende Eltern werden nicht richtig beraten. Sie sagt, es solle vielen mehr im Klaren sein, dass Eltern die ersten 5-6 Jahren - im härteren Fall - nicht durchschlafen können – DAS sei die Realität. Eine Mutterschaft träge viele einher gehenden Pflichten mit sich, z.B., dass für die mentale Gesundheit eines Kindes die Präsenz der Mutter in den drei Jahren unumgänglich sei.[5] [6] Diese Sicht über die knallharte Mutterschaft – in voller Präsenz – ist nicht nur die These von Erica Kommisar, sondern auch von vielen anderen Experten im pädagogischen Rahmen (Siehe hierzu die ersten beiden Blogartikel). Das würde bedeuten keine Selbstbestimmung, Selbstentfaltung und somit der Freiheit der Mutter? Wohl bemerkt, fängt alles mit «Selbst» an. Wo kommt das Kind denn vor?

Die Priorisierung ist in unserer zeitgemässen modernen Gesellschaft eine falsche. Nicht das Kind muss sich die ersten Jahre an unser Leben anpassen, sondern unsere Selbstentfaltungsprozesse dürfen für 2-3 Jahre sich anpassen und pausieren.

Es herrscht ein allgemeines verzerrtes Bild, so mein Eindruck. Als ob, Kinder auf die Welt zu bringen ein Must-Have der To-Do-Liste der most-wanted-goals sei und all die einhergehenden Pflichten missachtet werden dürfen.

Mutterschaft ist keine Pause von der «wirklichen Arbeit» - sie ist die reale Tätigkeit der Mutter.

Andernfalls sollte man sich nicht entscheiden Mutter zu werden. Kinder sind keine Spielpuppen, sondern bedürftige Wesen mit realen Bedürfnissen, die ihre Rechte haben. Erica Komissar, die eine Psychoanalytikerin und Elterncoach seit über 30 Jahren ist, wird für diese Perspektiven in der Öffentlichkeit von Medien, aber auch von Müttern selbst, stark kritisiert. Ich teile ihre Sicht zu 100%. Gesellschaftlich denkt man jedoch, dass die berufliche Verwirklichung mit dem Kind parallel funktionieren kann. Das ist ein grosser Irrtum. Das Bedürfnis des Kindes in den ersten 3 Jahren nach Bindung ist ein selbstverständliches, wie das Bedürfnis nach Wasser und Nahrung. Ohne die Gewährleistung von Bindung durch Nähe und Präsenz, stirbt zwar das Kind physisch nicht, aber mental schon. Und zwar untergräbt das Kind – in sich – das Bedürfnis nach Nähe – für ein ganzes Leben. Siehe auch hierzu den ersten Blogartikel «Bindung vor Bildung», viele Aspekte wurden bereits durch Studienergebnisse geschildert.

Und ja, aus all diesen knallharten realen Verpflichtungen – die konträrer zur unseren Erwartungen an Mutterschaft stehen, entstehen nun einmal depressive, chronisch erschöpfte und nicht stimmige Phasen. Das ist aber nicht die «Schuld» an Mutter-Sein / Werden, das muss hier klargestellt werden. Und es ist auch kein «Trend». Es sind reale emotionale Erschöpfungszustände und real vorkommende Empfindungen der Mütter.

Es ist die mutterfeindliche Gesellschaft, die die Mütter mit dieser anspruchsvollen Lebensaufgabe allein lässt, und wenig bis kaum unterstützt.

Systeme, Institutionen, und Gesellschaftsnormen sollten hinterfragt werden, nicht das natürliche Bedürfnis einer Frau, in sich ein Kind austragen und gebären zu wollen.

Es sind die Frauen und Mütter, die alleinstehend für ihre Kinder, sich selbst, dem Arbeitgeber, dem Ehepartner, dem Haushalt, den eigenen Eltern und und und verpflichtet werden. Während einige, wenn es nicht optimal läuft, sich von der Partnerschaft/Ehe lösen müssen und auch noch ökonomische Existenzängste durchleben müssen – wohlbemerkt, während sie noch in den Bindungsjahren für ihr Kind da sein möchten. Das ist das Armutszeugnis und Versagen der Politik und Regierungsformen, die das Wohlergehen der Mutter und SOMIT der Kinder und FOLGLICH der zukünftigen Gesellschaft nicht an erster Stelle priorisieren. Anstatt Milliarden für die Rüstungsindustrie zu investieren, könnten wir schon übermorgen allen Müttern ein volles umfangreiches Monatsgehalt überweisen, parallel ihr wöchentlich Koch- Putz und Pflegeservice zur Verfügung stellen, damit, die Mutter sich nur ihrem Kind und der Erziehung widmen kann.

Wie wäre die Idee, wenn Mütter einmal im Monat kostenlos zum Friseur, Massage und Sport gehen könnten? Was wenn es einen speziellen Lieferdienst für Baby/Kleinkind-Nahrung geben würde, damit die Mamas zwischen Kochen/Abwaschen und sich-kurz-mit-dem-Kind-hinlegen nicht mehr entscheiden müssen, damit sie nicht mehr so erschöpft und gereizt sind?

Was wenn, sie tatsächlich kostenlos – vom Staat und Gemeinden finanziert – all das ohne jegliche Anstrengung – erhalten würden, damit sie völlig entspannt und erholt mit voller Kapazität sich ihrer Mutterschaft hingeben könnten?

Realitätsfern oder zu idealisiert? Nein. All das, könnte in wenigen Tagen zumindest finanziert werden. Die Umsetzung müsste noch organisiert werden. Aber ja, so würde eine Familien-priorisierte Gesellschaft aussehen, in der Mütter nicht ihrer selbst entfremdet und anderen Dingen verpflichtet werden, sondern man könnte sich vollkommen auf eine gesunde Entwicklung und Potentialentwicklung des Kindes orientieren. Zumindest für die ersten drei Jahre.

Vielleicht hätten wir dann nicht all die Hashtags mit «Bedauern und Depressionen» aufgrund des Mutter-Seins, sondern erfüllte, zufriedene und vielleicht sogar glückselige Mütter und somit Kinder auf dieser Welt, in der es wirklich um das Wohlergehen der Kinder geht.

Quellenverzeichnis:

[1]

(1)https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/regretting-motherhood-ich-habe-mein-kind-gern-aber-ich-hasse-die-mutterrolle - (2) https://www.welt.de/podcasts/aha-zehn-minuten-alltags-wissen/article255484146/Regretting-Motherhood-Wenn-das-grosse-Glueck-keines-ist.html - (3) https://www.9monate.de/gesundheit/frauen/regretting-motherhood-id218594/

[2] https://link.springer.com/article/10.1007/s11553-025-01246-z - „Regretting parenthood“: Zusammenhänge bereuter Elternschaft mit Depressivität, Kosten- und Nutzenerwartungen sowie sozioökonomischen Faktoren

[3] https://ius.uzh.ch/dam/jcr:118ca3b3-314c-4c94-bb5d-dcdc41804034/YouGov-Studienbericht_Regretting_Parenthood.pdf - Regretting Parenthood

Ursachen und Demografie bereuter Elternschaft

[4] https://digitalcollection.zhaw.ch/server/api/core/bitstreams/487b6539-ab04-43a7-88b7-b8355cbbd256/content

[5] https://www.ericakomisar.com/being-there

[6] https://www.diepresse.com/19990185/wollt-ihr-als-eltern-was-gelten-macht-euch-bitte-nicht-selten