Blogartikel #6 "Das Phänomen der 'Schuldumkehr' in der Erziehung"

Welche Bedürfnisse stecken hinter dem Verhalten?

1/18/20263 min lesen

Wer kennt es nicht, solche Formulierungen aus dem Munde der Eltern, Grosseltern, oder weiterer Personen?

«Das Kind will dich doch nur tyrannisieren»

«Das Baby will ständig stillen, es macht mich wahnsinnig!!!»

«Mein Kind(1 Jahre) hat glaub ich eine Regulationsstörung und muss behandelt werden.»

«Es weint doch, weil es dich manipulieren will, gib nicht nach!»

«Unser Sohn schläft immer noch nicht durch, es ist ja nicht normal. Glaub wir müssen ein Schlaftraining heranziehen.»

«Wegen dir bin ich jetzt wütend!»

«Du bist schuld, dass deine Schwester jetzt weint!»

«Wir dürfen nicht zur Oma, sonst steckt du sie noch an und dann wird sie wegen dir krank!!!!»

«Jetzt ist es aber eindeutig zu viel. Mit deiner Krise gewinnst du das Spiel hier nicht.»

Und die Liste kann so unendlich weitergeführt werden. Leider. In der Psychologie beschreibt man dieses Phänomen der Schuldumkehr mit folgenden Worten :

«Schuldumkehr beschreibt eine Dynamik, in der einem Menschen die Verantwortung für eine Situation oder ein Problem zugeschoben wird, obwohl sie oder er objektiv nichts falsch gemacht hat. Oft geschieht das subtil.(…) Manchmal ist es offensichtliche Manipulation, oft aber sind es auch erlernte Muster aus früheren Beziehungen oder der Kindheit, die diese Dynamik verstärken.»[1]

Das Motiv ist meistens bei Eltern keine bösartige. Meist vergrabt sich übernommene Beziehungsmuster (Schuldzuweisung von eigenen Eltern) hinter dem Verhalten, das man praktiziert, oder schlechthin Überforderung des eigenen Nervensystems, sodass man nicht be.wusst und gewaltfrei kommunizieren kann.

Nicht nur das – oft können Eltern – aufgrund eigener Entwicklungstrauma – nicht einmal die Bedürfnisse der Kinder hinter ihrem Verhalten und Handeln sehen. Ja, richtig, sogar hinter der abrupten Krise im Supermarkt, als sich das Kind auf den Boden wirft und herumschreit, steckt ein ernst zu nehmendes kindliches Bedürfnis, das das Kind sich selbst nicht erfüllen kann, daher ist es verzweifelt auf die Bezugsperson angewiesen und abhängig.

In der Pädagogik der «gewaltfreien Kommunikation» gibt es eine hilfreiche Liste an Bedürfnissen, die Stützpunkte sein können, im nächsten Krisenmoment von Eltern erkannt werden können:

AUTONOMIE – Bedürfnis: Freiheit, Selbstbestimmung.

Fallbeispiel: «(Weint, schreit) Ich will selbst entscheiden, was ich anziehe.»

KÖRPERLICHE BEDÜRFNISSE Bedürfnisse: Luft, Wasser, Bewegung, Nahrung, Schlaf, Distanz, Unterkunft, Wärme, Gesundheit, Heilung, Kraft, Lebenserhaltung.

Fallbeispiel: «Junge in der Schulklasse unaufmerksam: es hat das hohe Bedürfnis nach Bewegung.»

INTEGRITÄT / STIMMIGKEIT MIT SICH SELBST – Bedürfnis: Authentizität, Einklang, Eindeutigkeit, Übereinstimmung mit eigenen Werten, Identität, Individualität.

Fallbeispiel: «Ich will nicht, das tun, wozu du mich gerade zwingst, deshalb bin ich ungehorsam!»

SICHERHEIT – Bedürfnis: Schutz, Übersicht, Klarheit, Abgrenzung, Privatsphäre, Struktur.

Fallbeispiel: «Ich möchte heute nicht in den Kindergarten!»

VERBINDUNG – Bedürfnis: Wertschätzung, Nähe, Zugehörigkeit, Liebe, Unterstützung, Ehrlichkeit, Gemeinschaft, Geborgenheit, Respekt, Kontakt, Akzeptanz, Austausch, Offenheit, Vertrauen, Anerkennung, Freundschaft, Achtsamkeit, Aufmerksamkeit, Toleranz, Zusammenarbeit.

Fallbeispiel: «Mama, ich habe schlecht geträumt, darf ich zu Euch ins Bett?»

ENTSPANNUNG – Bedürfnis: Erholung, Ausruhen, Spiel, Leichtigkeit, Ruhe.

Fallbeispiel: «Ich möchte jetzt weiterspielen und nicht mit zum Supermarkt!!! (Krise & Weinen)»

GEISTIGE BEDÜRFNISSE – Bedürfnis: Harmonie, Inspiration, Ordnung, (innerer) Friede, Freude, Humor, Abwechslungsreichtum, Ausgewogenheit, Glück, Ästhetik

Fallbeispiel: «Die Sosse sollte neben der Spagetti nicht daneben!(KREISCHT & will nicht mehr essen.)»

ENTWICKLUNG – Bedürfnis: Beitrag, Wachstum, Anerkennung, Feedback, Rückmeldung, Erfolg im Sinne von Gelingen, Kreativität, Sinn, Bedeutung, Effektivität, Kompetenz, Lernen, Feiern, Trauern, Bildung, Engagement

Fallbeispiel: «Ich will nicht in die Schule.»

EINFÜHLUNG – Bedürfnis: Empathie, Verständnis (i. S. von verstanden = “gesehen“ werden), Gleichbehandlung, Gerechtigkeit[2]

«Wieso umarmst du meinen Bruder so oft? Liebst du mich nicht mehr? Dann kooperiere ich auch nicht»

Wenn wir als Eltern, Grosseltern oder andere nahe Bezugspersonen, in jedem Kontakt mit dem Kind, uns daran erinnern könnten, dass Kinder tatsächlich nicht böse oder manipulativ sind und insbesondere bis 5 Jahren neurologisch bedingt, aufgrund unreifer Gehirnentwicklung, auf eine Co-Regulation mit dem Gegenüber angewiesen sind – so kann es vielleicht helfen, aus unbewussten erlernten Verhaltensmustern auszubrechen.

Viele Experten bezeichnen diesen Vorgang, als besonders bedeutsam und relevant für die Fähigkeit zur Resilienz und Selbstregulation im späteren Alter. Auch in Beziehungen spielt das im Erwachsenenalter eine hohe Rolle. Wer mit seinen Gefühlen wahrgenommen, verstanden und beruhigt werden konnte, kann seine Emotionen selbst viel besser in späteren Beziehungen regulieren und harmonischere Beziehungen führen.[3]

Wenn Kinder mit all ihren so herausfordernden Verhaltensweisen die letzten Nerven derer Bezugspersonen strapazieren können, so muss ich auch in diesem Kontext betonen, dass die Schuldumkehr, als «Waffe» der Eltern – das Kind zu zügeln, nicht zielführend und gesund sein kann.

Es geht auch hierbei wieder um nichts anderes als:

Die Eigenverantwortung der Eltern.

Nicht die Kinder sind es, die sich verändern müssen oder therapiert werden müssen, vielleicht sind sie nur ein Symptom der familiären Verhaltensstrukturen. Nur, wenn wir in die Verantwortung kommen können, aus der «Opferrolle» herausschlüpfen und nicht nur «uns», sondern auch unser Gegenüber, in dem Fall, unser Kind, mit seinen Bedürfnissen, sehen können, erst dann können wir ...

Schuld- und Schamgefühle als Bindungserfahrung [4]

vermeiden.

Bevor wir das nächste mal in der Überforderung wieder eine Schuldzuweisung ausüben, können wir uns vielleicht kurz daran erinnern:

«Das Schreien und Weinen ist die Sprache meines Kindes – sich mir - mit Emotionen pur – mitzuteilen. Nicht weil, es mich ärgern oder manipulieren will, sondern weil es in dem Moment nicht anders kann – Ich, als Erwachsene Person, kann es aber.»

Quellenverzeichnis:

[1] https://praxisgesundepsyche.at/2025/03/13/schuldumkehr-warum-wir-uns-fuer-dinge-entschuldigen-die-wir-nicht-getan-haben-und-wie-wir-da-herauskommen/

[2] https://www.gfk-info.de/beduerfnisliste-gfk-gewaltfreie-kommunikation/

[3] https://www.wireltern.ch/artikel/co-regulierung-was-der-begriff-wirklich-bedeutet-0524

[4] https://www.psymag.de/18819/schuldumkehr-macht/ - Schuldumkehr: Was sie mit dir macht