Blogartikel #7 "‘Gentle Parenting’, oder bedürfnisorientierte Erziehung – machbar?"
1/31/20264 min lesen
In kaum anderen Zeiten war der Druck auf Eltern so hoch – wie heute. Eltern, insbesondere Mütter – bekommen heutzutage nicht nur von Angehörigen, Familie & Freunden viele gut gemeinte «Tipps» zum Hören, sondern der immense Druck von Social Media ist ein zunehmendes Problem.
Der riesige Druck in den Sozialen Medien über gesunde Ernährung der Babys/Kinder, Schlaftrainings, Windelfrei-von-Anfang-an-Konzepte, Erziehungsmethoden wie «gentle Parenting», «gewaltfreie Kommunikation», bedürfnisorientierte Erziehung etc. sind gigantisch!
Während früher Stillen als ungesund, bzw. gar als schädigend für das Baby galt und man sogar frisch gebackenen Müttern im Krankenhaus abgeraten hat ihr Baby zu stillen – was zum Glück mittlerweile durch Studien widerlegt wurde – nimmt heute der Druck mit weiteren Themen zu, wie z.B., ob das Kind mit 6 Monaten schon durchschläft, oder es als Beikost Brei oder Baby Led Weaning bekommt. Es kursieren unendlich viele Videos, wie Mütter vorbildlich glutenfreie, zuckerfreie, salzfreie und ballaststoffreiche und abwechslungsreiche Mahlzeiten – alles natürlich in Bio-Qualität – ihren Kindern servieren. Es kursieren Erziehungstipps wie dem Baby in nur 5 Schritten zum Durchschlafen verholfen wird. Es kursieren Videos, wie man als «gentle parent» (= einfühlsam / sanftmütig) in jeder Krise die Ruhe bewahrt und auf Augenhöhe mit dem Kind «das Problem» gemeinsam löst. Kleinkinder sollen – laut dieser Erziehungsmethode, in ihrer Autonomiephase via «gentle parenting»[1] begleitet werden – in der Kinder mit unendlich viel Empathie, Entscheidungsfreiheit, Gespräch auf Augenhöhe und viel Geduld begleitet werden sollten. Die Gefühle der Kinder sollten geduldig begleitet werden – egal ob sie davor ihr Geschwister geschlagen, oder soeben die Eltern beleidigt haben – nein, jetzt müssen sich mal die Eltern zusammenreissen – so ungefähr der Anspruch dieser Erziehungsmethode.
Nicht missverstehen – ich bin absolut FÜR eine gewaltfreie, liebevolle und bedürfnisorientiere Erziehung. Aber wer Eltern von mindestens zwei Kindern ist, wird schnell merken, dass der realistische Alltag mit Kindern nicht so «perfekt» und «regulierend begleitet» ablaufen kann.
Können wir mal darüber reden, dass wir bei der ganzen Diskussion das Wesentliche vergessen und die Bedürfnisse der Eltern komplett aus den Augen verlieren ?
Eltern sind Menschen. Keine Roboter. Ja es ist nicht ideal, das Kind streng zu behandeln. Aber können wir es bitte mal normalisieren, dass wir keine Unmenschen sind, wenn es doch passiert? Man kann nun mal nicht in jeder Situation alles mit dem Kind «besprechen», oder ausdiskutieren, ob es den Bedürfnissen des Kindes nicht übertritt. Es gibt Momente, in denen elterliche Führung als einzige Option dar liegt, in der man als standhafte Orientierung und Führung als Bezugsperson für eine Lösung agil reagieren muss.
Und es gibt Momente, in denen man als Elternteil – einfach und schlechthin keine Kapazität hat die starken Gefühle des Kindes ordnungsgemäss zu begleiten.
Auch das ist in Ordnung. Ständig werden Eltern ihrer Erziehungskompetenz abgesprochen, Müttern eingeredet sie wüssten es nicht besser, was für ihr Kind richtig sei, den Väter vorgeworfen, sie seien zu selten da. Natürlich existiert ein Ideal – wie es im Normalfall zu sein hat – jedoch verläuft das Leben nicht immer geebnet - sondern oft in Höhen und Tiefen. Das ist aber kein «Versagen» der Qualitäten der Eltern und ihrer Erziehung, sondern oft sind es schlechthin die Umstände, die Eltern dazu verleiten können, sich nicht immer von ihrer besten Seite präsentieren zu können.
Nach einem sehr interessanten Gespräch mit einer Expertin wurde mir schnell klar, worum es wirklich geht: Es geht bei allen Schwierigkeiten des Lebens nicht darum, das Kind mit allem zu beschützen und verschonen zu wollen. Konflikte, schwierige Momente und Fehler gehören zum Leben. Kinder möchten keine perfekten Eltern.
Es geht nur um eins: Sie möchten von ihren Eltern dabei gesehen werden.
Es geht eher darum das Geschehene in Worte fassen zu können, weil das das Kind schlechthin nicht kann.
Es geht darum, die Gefühle des Kindes, die dabei entstanden sind, für das Kind – zu benennen.
Wut, Freude, Traurigkeit, Scham und Schuld dürfen im Raum da sein und be-nannt werden.
«Ich sehe, du hattest Angst, deshalb hast du laut geweint, das ist in Ordnung.»
Sätze wie diese, holen das Kind nicht nur in seiner Ohnmacht ab, es lernt durch die Bezeichnung und Definition seiner Gefühle, diese auch zu erkennen und später benennen zu können. Es verhilft dem Kind später als Erwachsene besser «sich zu fühlen», eine gesündere Selbstliebe pflegen zu können.
Erst wenn unausgesprochenes nicht da-sein-darf und hinzu ignoriert wird, kommt es zur nachhaltig psychischen Belastung beim Kind, weil es selbst dafür keine Lösung finden kann – kommt es dauerhaft im Gehirn zu einer Inkohärenz und somit die typischen Verdrängungsmechanismen. Entwicklungstrauma entsteht nicht durch Konflikte, oder Gewalt per se – sondern, es ist die Ohnmacht, in der das Kind einst gesteckt hat – und in der das Kind kein Ausdruck und Worte finden konnte/durfte. Das Nervensystem geht in Überlebungsmodus. Unausgesprochene Gefühle führen irgendwann zum Gefühlsstau[2] - so der bekannte Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Dr. Hans-Joachim Maaz, der diese Bezeichnung sehr geprägt hat.
Kinder in schwierigen Momenten zu sehen – das ist das wichtigste Ventil.
Deshalb kann der hohe Druck und das ständige Schlechte-Gewissen von Eltern abgedämpft werden – natürlich mit der Bereitschaft stets an sich arbeiten zu wollen.
Und ja Kinder haben Bedürfnisse und sollten beschützt, geliebt und gehalten werden – sie müssen aber nicht von jeglichem Problem verschont bleiben. Eltern dürfen sie in ihrem Weg - als zuverlässige und präsente Anker dabei liebevoll begleiten.
Aber Eltern haben auch ihre Bedürfnisse – und das gilt es auch anzuschauen. Denn nur, wenn es den Eltern gut genug geht, kann es dem Konstrukt Familie und somit den Kindern gut gehen. Auch wenn das bedeuten mag, dass die Kinder heute keinen glutenfreien und zuckerfreien Kuchen bekommen.
Quellenverzeichnis:
[1]https://www.focus.de/familie/eltern/gentle-parenting-sanft-zu-kindern-hart-zu-muettern_id_260611076.html
[2] https://www.chbeck.de/maaz-joachim-gefuehlsstau/product/14175848
