Blogartikel #9 "Wechselhafte Bindungserfahrung in der Fremdbetreuung."

Und der spätere Einfluss dessen auf die Beziehungskompetenz.

3/16/20262 min lesen

Ich möchte heute eine oder mehrere Realitäten aus dem Kita-Alltag beleuchten, über die sonst kaum bis niemand spricht. Während dazu appelliert wird, dass Kinder das aller Wichtigste im Leben und für unsere Zukunft seien, werden grundsätzlich unumgängliche Fakten schlicht und ergreifend ignoriert. Auch von Fachkräften.

Dass Fremdbetreuung nicht mit einer wahrhaftigen Bindungserfahrung verwechselt, geschweige denn gleichgestellt werden kann, wurde bereits ausreichend in vorigen Artikeln sowohl evidenzbasiert-wissenschaftlich als auch aus persönlicher Sicht beleuchtet. Heute möchte ich nicht nur die Dinge theoretisch beleuchten, sondern aus der persönlichen Erfahrung. Jedes Mal, wenn ich die Krippe betrete und ganz nah aus Innen beobachten darf, erlange ich jedes Mal aufs Neue – die Bestätigung dessen, was ich stets immer in mir gefühlt habe – und die globalen Studien – leider - belegt haben:

Der Stress ist der tägliche Begleiter der Krippen-Kinder. Denn eine Krippe ist für Kinder von 0-3 kein Ort einer beständig zuverlässigen Bindungserfahrung.

Auf keinen Fall möchte ich die wertvolle Arbeit der engagierten, empathischen, liebevollen und bemühten Erzieherinnen kleinreden, gar relativieren.

Es besteht ein institutionelles Problem.

Das System an sich ist nicht auf echte Bindungserfahrung für Kinder aufgebaut.

Während es ernst zu nehmendes Fachkräftemängel vorherrscht, viele ihren einst Traumberuf aufgeben und kündigen, fragt man sich doch, weshalb es soweit kommen kann, wenn doch alles so gut läuft?

Die Realität zeigt: Fachkräfte sind enorm überfordert, unterbezahlt, kaum wertgeschätzt und kaum unterstützt. Ganz im Gegenteil – während die Politik und die Gesellschaft an der exorbitant wichtigsten Stelle der Gesellschaft, nämlich dem Wohlergehen der Säuglinge und Kleinkinder – sparen, so muss ich nochmals verdeutlichen, dass so bemüht und herzensgut viele Fachkräfte in Krippen sein mögen, der System-Fehler erlaubt es ihnen nicht, das Grundbedürfnis der Kinder in Bindung und Beziehung zu stillen.

Stattdessen erleben Säuglinge und Kleinkinder tagtäglich wechselhafte Bindungserfahrungen:

Bindungsabbruch

Bindungspause

Bindungsdefizit und

Bindungsende.

Einst an einer Erziehungskraft gewöhnt und liebgewonnen, so ist sie vielleicht krank, in Pause, in Urlaub, dauerhaft krankgeschrieben (Burnout), weggezogen, oder selbst schwanger ?

Kinder müssen ständig diese Wechselhaftigkeit an Bindungserfahrungen mit sich selbst ausmachen.

Leise.

Still.

Unbemerkt.

Tag täglich.

Läuft es vielleicht eine Woche gut und es fällt keine Fachkraft aus – so ist in der zweiten Woche die primäre Bezugsperson für Wochen in Urlaub. Das Kind steht da mit einem «Bindungsersatz» - schon wieder.

Was macht all diese Unbeständigkeit, Instabilität der Bezugspersonen, die Inkohärenz und Belastung des Nervensystems eines kleinen Kindes von 0-3 Jahren - mit der späteren Beziehungskompetenz im Erwachsenenalter ?

Vermeidendes, oder vielleicht gestörtes Bindungsverhalten? Beziehungs-un-fähigkeit? Das ist keine Theorie oder Mutmassung. Das ist in Bindungsforschung lange belegt. Ich verweise auf die ersten beiden Blogartikel mit insgesamt mehr als 30 wissenschaftliche Quellennachweise.

Fassen wir zusammen: Bindung ist für Kinder ein Grundbedürfnis wie Wasser, Nahrung und Schlaf.

Ich frage mich ernsthaft wieso wird in keinem anderen Bereich wie in diesem Grundbedürfnis nach Bindung – Kompromisse und Vernachlässigung erlaubt, wie kein anderer?

Dürfen wir uns Stand 2026 – den aktuellen Ereignissen nach – noch wundern, weshalb Bindungstrauma das Weltgeschehen dominiert? In meinen Augen nein!

Wer Bindungstrauma hat – und das haben mehr Menschen, als es ihnen bewusst ist – kann auf der Beziehungsebene weder mit sich selbst, noch mit seinem Nächsten in wahrhaftiger Liebe und Beziehung eintreten. Geschweige denn mit dem Nächsten in Frieden leben.

Weltfrieden beginnt nicht irgendwo da draussen. Es beginnt ganz nah unmittelbar mit uns. Mit unseren Kindern. Mit ihrer frühkindlichen Bindungserfahrung. Jedes Kind sollte - ohne Kompromisse - echte, beständige und dauerhafte Bindungserfahrung mit seinen Eltern erleben dürfen. Beginnen wir doch endlich zu erkennen, dass der Weltfrieden mit uns und unserer Beziehungsfähigkeit beginnt. Es beginnt alles mit uns.