Blogartikel #8 "Warum Trennung – beim Kind, immer schmerzt."
Und was die möglichen Folgen sein können.
2/16/20264 min lesen
Gehen wir von einer Situation aus, in der sich Mutter und Kind im frühkindlichen Alter (0-3), trennen müssen. Und versuchen wir die komplette Situation aus dem «Blickwinkel» des Kindes anzuschauen.
Wenn wir verstehen, wie Anpassungsprozesse im kindlichen Gehirn funktionieren, so findet der Schmerz beim Kind endlich eine Sprache.
Aber vorerst möchte ich auf paar Punkte aus meiner Erwachsenen-Perspektive eingehen.
Weshalb spreche ich dieses Thema der Trennung vom Kind und Eltern durch z.B. Fremdbetreuung erneut an ? – und weshalb ist es doch so von grosser Bedeutung ?
Weil frühkindliche Trennung biologisch und entwicklungspsychologisch einfach keinen Sinn macht.
Weil Kinder nicht die Fähigkeit besitzen ihre Gefühle in Worte zu fassen -und ihre natürlich gesunden Reaktionen wie weinen, schreien und protestieren ignoriert, sogar verteufelt werden.
Weil Erwachsene die stress- und überlebungsnotwendige Anpassung der Kinder mit «Erfolg» und «eingewöhnt» verwechseln.
Weil sich neurologisch im Gehirn des Kindes exorbitant viel tut (= Inkohärenz - entwicklungstechnisch NICHT positiv) und sie dafür aber keine Sprache finden.
Weil Chronischer Stress unsere Kinder und unsere kommende Generation – die Welt – krank macht.
Weil es einen göttlichen Plan dahinter verbirgt, dass Kinder intuitiv Nähe und Bindung einfordern, mit Fremden fremdeln - und bei jeglicher Trennung von Mama u./o. Papa weinen.
Weil die Zeit endlich gekommen ist darüber zu sprechen, was Kinder bewegt – nicht was die Erwachsenen über sie hinweg entscheiden dürfen.
In der frühkindlichen Welt macht eine Trennung – auch mit Eingewöhnung und den besten Bedingungen der Betreuung – von Eltern, insbesondere der Mutter nicht nur keinen Sinn, sondern es ist laut unendlich viele Studien - schädlich. (In den ersten beiden Blogartikel mehrfach zitiert und interpretiert.)[1] Vor allem spielt die Mutter dabei eine erhebliche Rolle – weil sie faktisch einen Bindungsvorsprung hat. Neun Monate lang, durfte sich das Embryo nicht nur im Mutterleib physiologisch entwickeln, sondern tief verbunden mit ihr sein. Ihre Stimme, Bewegungen und sogar Stimmung (durch Hormon-Übertragungen) mit vernehmen, spüren und erleben. Aktuelle Studien beweisen nicht nur, dass Stress in der Schwangerschaft durch Cortisol-Übertragung durch die Plazentaschranke zum kindlichen Gehirn ankommen kann - und das Embryo laut Aufnahmen sich sogar vor Stress zusammenzieht, sondern auch nach der Geburt die Auswirkungen anhalten. Man hat festgestellt, dass diese Kinder später besonders ausgeprägte «Sensoren» und Sensibilität für Stress pflegen werden. Das Immunsystem und die Gehirnentwicklung nach der Geburt bleiben besonders betroffen – und zwar jahrelang.[2]
Kommt es dennoch trotz dieser biologisch und medizinisch perfekten Symbiose und Bindungsvorsprung mit der Mutter zur frühkindlichen Trennung (0-3 Jahren), so entsteht für das noch unreife Nervensystem des Kindes erhebliche Probleme.
Nehmen wir ein typisches Szenario aus einer Eingewöhnungsphase in einer Krippe: Junge, 9 Monate, primäre Bezugsperson ist die Mutter. Die Eingewöhnung verläuft mit ihr. Es ist die erste Situation für das Kind, in der es sich von einer «Fremden» trösten und «betreuen» lassen muss:
Aus der Sicht des Kindes:
Mama ist auf einmal weg. Kein Gefühl für Zeit. 7 oder 10 Minuten? Das fühlt sich wie eine Ewigkeit an. Wo ist sie? Wieso lässt sie mich hier allein? Es fühlt Herzschmerz und Unruhe.
Aussen ruhig. Innerlich in einer physiologisch hohen Alarmbereitschaft.
Die Herbeirufbarkeit der Mutter nicht möglich? Das fühlt sich für das Kind als lebensbedrohlich an. Ohne vertraute Bezugsperson, keine Bindung, ohne Bindung kein Überleben. Bisher reine Biologie.
Dieser Prozess wurde von mir bereits im ersten Blogartikel ausführlich vom Neurologen und Gehirnforscher Prof. Dr. Gerald Hüther zitiert, dennoch möchte ich die Essenz diesen neurologischen Ablaufs der sogenannten Anpassung erneut wie folgt re-zitieren:
«Nach der Trennung und verbleibenden Abwesenheit der Bezugspersonen - und die starke Inkohärenz im kindlichen Gehirn, muss also endlich eine langfristige Lösung geschaffen werden: Die Unterdrückung des Bedürfnisses nach Nähe in sich selbst und in sein kindliches Gehirn. Was in der Krippe und unter den Erzieherinnen nach «Erfolg» aussieht, wenn das Kind «nicht mehr weint», so ist das neurologisch eine Kapitulation im Gehirn: Die Lösung für das Kind lautet: « ‘Ich unterdrücke mein Gefühl mit der Mama zusammen sein zu wollen’. Es unterdrückt sein Grundbedürfnis -und zwar die Bindung- mit der Mama oder Papa zusammen sein zu wollen. Es unterdrückt den Bereich im Gehirn, den die Hirnforscher Bindungszentrum nennen. Nach dem anfänglichen sehr schmerzvollen Prozess, der enorm viel Energie im Gehirn verbraucht. Die hemmende Verschaltung diesen Bindungszentrums wird verwachsen, das kindliche Gehirn versucht das Bedürfnis zu unterdrücken.»
«ich bin sicher» und «Ich habe verstanden, dass es nichts bringt, meine Gefühle zu zeigen» sehen von aussen für Erwachsene sehr gleich aus. Sogenannte pädagogische Fachkräfte bewerten diesen Zustand als «erfolgreiches Eingewöhnt-Sein».
Ein unreifes Nervensystem, das bis 5 Jahren Stress, Emotionsregulation und Impulskontrolle von Aussen – d.h. einer sicheren und vertrauten Bezugsperson benötigt, kann all das nicht ohne gesundheitlichen Konsequenzen selbst meistern. Biologisch ist das kindliche Gehirn für diese Anpassungsprozesse in diesem Zeitfenster von 0-3 Jahren nicht gemacht.
Ein chronischer Zustand der Inkohärenz im Gehirn beim Kind erhöhen nachweislich das Risiko für:
- Unsichere bis hin zur ambivalenten Bindungsstörung
- ADHS, Aggressivität, Konzentrationsstörung, Lernschwierigkeiten
- Stress- und Suchterkrankungen im Erwachsenenalter
- Angststörung und Depression.
Kinder brauchen Präsenz und Herbeirufbarkeit - statt Dauerproduktivität ihrer Eltern.
Kinder brauchen keine perfekten Eltern.
Kinder brauchen in den ersten Jahren weder Materielles noch teure Spielzeuge oder Urlaube.
In Situationen, in denen es im Leben nicht anders geht – und das verstehe ich zu 100% - so appelliere ich sehr für:
- Falls möglich Betreuung bei sekundären, tertiären Bezugspersonen ( Vater, Oma, etc.)
- Ggf. Kurze Betreuungszeiten (Halbtags)
- Sehr langsame und flexible Eingewöhnungskonzepte
- Nähe, Ruhe und Kompensation nach der Trennung – das Nervensystem muss sich erholen.
- Beziehung ist agil und reparierbar: aktive gemeinsame Spiel-Zeiten ohne Unterbrechung, Zeit nehmen (ohne Handy nebenan etc.) und aktive Aufmerksamkeit, loben, reden - können viel wieder kompensieren.
- Gefühle und Situationen benennen, beschreiben und Worte dafür finden, für die das Kind nicht kann.
- Wenn die Eingewöhnung nicht so läuft, wie es soll – den Mut und die Ehrlichkeit aufbringen, dass das Kind noch Zeit braucht. Pläne umändern. Das ist nicht ein Misserfolg, sondern Verantwortung übernehmen.
Vergessen wir nicht – jede Trennung schmerzt beim Kind. Verwechseln wir nicht Fremdbetreuung mit Bindung. Kinder haben das angeborene Bedürfnis nach Bindung, wie Wasser und Nahrung. Und dafür sind wir - Erwachsene verantwortlich.
Quellenverzeichnis:
[1] Blogartikel 1: URL: https://bindungvorbildung.com/blogartikel-1-bindung-vor-bildung -
Blogartikel 2: URL: https://bindungvorbildung.com/blogartikel-2-ab-wann-in-die-krippe
